12.7.2023

Mutig leben – und den Mut nicht verlieren

Theo Schoenaker

In seinem neuen Buch «Mutig anders» malt Theo Schoenaker das Bild einer Welt, in der das Gemeinschaftsgefühl zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Die Individualpsychologie beschreibt er deshalb als Psychologie des Friedens, als den Weg zum Frieden. Der folgende Text ist die Ermutigung, als Individualpsycholog*innen die Verantwortung dafür zu übernehmen, diesen Weg zu gehen.

Mut heisst Anpacken, Weitermachen gerade dann, wenn´s schwierig wird.

Das Leben ist nicht einfach, und es ist auch gefährlich, und der Mensch ist schwach. Du kannst aber nie wissen, wo die Grenzen deiner Möglichkeiten sind, deshalb musst du weitermachen, auch wenn dir die Aufgabe unmöglich erscheint. Wo? Dort wo du den nahen Frieden herstellen kannst! In den Lebens-Aufgaben, wie Adler sie formulierte: die intime Beziehung, die tägliche Arbeit, die Begegnung und der Umgang mit den Mitmenschen. Diese Aufgaben fordern fortwährend Entscheidungen und Handlungen, bei denen du nie mit Sicherheit weißt, ob sie richtig sind oder von anderen als richtig beurteilt werden. Wenn wir trotzdem im Sinne des Gemeinschaftsgefühls handeln mit dem Risiko der Fehlerhaftigkeit, nennen wir das ein mutiges Leben. Ohne diesen Mut ist es unmöglich, ein sozial gesundes Leben zu führen.


Sobald wir anderen wohlwollend, freundlich, geduldig, helfend, zuhörend, einfühlend, ermutigend einen Platz in unserem Leben geben, schaffen wir, durch Verringerung der Egozentrizität, die Bedingungen für normales Funktionieren.


Stellen wir uns vor, dass Kinder lernen würden, ihre Eltern, ihre Lehrer und andere Kinder zu ermutigen und somit mehr in wir als in ich zu denken; dass sie durch das Vorbild der Lehrer und Eltern andere Menschen, Rassen, Religionen als gleichwertig betrachten würden; dass die Partnerschaft von Vater und Mutter ein Vorbild von Ermutigung und Gleichwertigkeit wäre, die diese Einstellung in ihre tägliche Arbeit hineintragen würden, so dass auch andere davon profitieren.

Die Art, wie wir miteinander und mit der Welt umgehen, zeigt in eine völlig falsche Richtung. Das Vertrauen in Religion nimmt ab, Vertrauen in Aufrüstung nimmt zu. Angst voreinander und Sorgen um die Zukunft der Menschheit nehmen zu. Das Ungleichgewicht wächst angsteinjagend schnell. Es werden weltweit doppelt so viele Menschen geboren als sterben. Mit hoher Geschwindigkeit wird die Erde ärmer an Wälder, Ackerland, Trinkwasser, Energiequellen, Meeresfischen, Nahrungsreserven. Weltweit sind etwa 800 Millionen unterernährt, mehr als 1,5 Milliarden Menschen sind überernährt. Jeden Tag sterben etwa 15.000 Menschen durch Hunger, und wir geben Millionen Euro pro Tag für Mittel und Kuren zum Abnehmen aus.

 «Wenn wir trotzdem im Sinne des Gemeinschaftsgefühls handeln mit dem Risiko der Fehlerhaftigkeit, nennen wir das ein mutiges Leben.»

Alfred Adler sieht es so: «Es besteht die berechtigte Erwartung, dass in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äußeren Widerstände siegen wird. Dann wird der Mensch Gemeinschaftsgefühl äußern wie Atmen. Bis dahin bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als diesen notwendigen Lauf der Dinge zu verstehen und zu lehren».

Ich glaube nicht an eine nützliche Entwicklung, wenn das theoretische Wissen nicht auf die Ebene des Handelns kommt. Es gibt keinen Fortschritt ohne Übung. Nicht in der Kunst, nicht in der Wissenschaft und selbstverständlich nicht in der Psychologie und Pädagogik.

Ich habe des Öfteren in meinem Leben eine Theorie verstanden und mir dann sehnlichst einen verständnisvollen väterlichen Freund gewünscht, der seinen Arm um mich legt und mir erklärt, wie das praktisch geht. Wenn ich es nicht umsetzen kann, ist das Wissen nur eine interessante Belastung. Deswegen gibt es neben dem «EncouragingTraining Schoenaker-Concept» mehrere andere Individualpsychologische Trainingsprogramme und nützliche Ausbildungen. Sie bringen uns ins Tun, und Tun ist Üben, und Üben ist Lernen.

Wir alle, die mit der Individualpsychologie bekannt oder vertraut sind und das Erbe Alfred Adlers mittragen, haben einen Auftrag: Die Prinzipien seiner Individualpsychologie unter die Menschen zu bringen, jeder in seinem Wirkungskreis. Die Menschen sind jetzt empfänglicher dafür als zu Lebzeiten Adlers vor 100 Jahren (1870-1937). Und wir können selbst anfangen: Diskriminierung stoppen, Vorurteile überwinden, üble Nachrede beenden und Ermutigung als innere Haltung entwickeln. Das gilt für jeden von uns und auch für unseren Klienten und Patienten:

«Nur der wird abträgliche Neigungen verbessern können, der zuvor mitmenschlicher geworden ist.»

Unser Beitrag zum Fortschritt erwächst aus dem neuen Geist, den wir bringen. Ihr, vertraut mit der Individualpsychologie, seid die Quelle der inneren Stärke und des inneren Friedens. Ihr seid diejenigen, die den Menschen dem Individualpsychologischen Ideal näherbringt, damit sich mutige und unabhängige Menschen entwickeln, die sich der ganzen Menschheit gegenüber verantwortlich fühlen. Du wirst ein Segen sein!




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