Andrea Pini, Jürg Rüedi

Am 9. August 2026 ist Irène Kummer verstorben.
Irène Kummer war eine prägende Persönlichkeit der Schweizer Individualpsychologie. Sie hat die IP durch ihre psychotherapeutische Arbeit, ihre Bücher und ihre Lehrtätigkeit bereichert und mit der Entwicklung der organismisch-integrativen formativen Psychologie eigene Impulse gesetzt.
Wir möchten mit vier unterschiedlichen Stimmen an ihr Wirken erinnern und würdigen, was sie der Individualpsychologie und den Menschen mitgegeben hat.

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Text von Jürg Rüedi
Nach der Maturität (mit Griechisch und Latein) im Herbst 1963 studierte sie 1963/64 Philosophie, Psychologie und Romanistik in Ottawa/Canada und von 1964 bis 1969 Germanistik, Geschichte, Romanistik und Psychologie an der Universität Zürich (Doktorat Herbst 1969).
Die Jahre danach widmete sie der Weiterbildung für Psychotherapie und ihrer Habilitation für Neuere deutsche Literatur.
Im weiten Feld der psychotherapeutischen Schulen sprach sie die Individualpsychologie in der Tradition von Alfred Adler an, darum wurde sie individualpsychologische Therapeutin und begann unter Supervision ihre eigene Beratungstätigkeit, vor allem mit Jugendlichen. Ihr erstes Buch «Beratung und Therapie bei Jugendlichen» (1986) legt von diesem frühen Schwerpunkt ihres beruflichen Wirkens auf der Basis der Individualpsychologie Alfred Adlers Zeugnis ab. Das Buch umfasst u. a. Lebensstilerarbeitung, Rollenspiel, Imagination, Körperübungen und Therapie durch kreative Prozesse wie Malen, Tanzen oder Schreiben. Anhand zahlreicher Beispiele und Falldarstellungen aus der eigenen Praxis zeigt Irène Kummer, welche Möglichkeiten der Beratung und Therapie innerhalb sowie außerhalb bestimmter Institutionen bestehen.
Weitere Publikationen folgten 1989 mit «Wendezeiten im Leben der Frau», 1991 mit «Ich bin die Frau, die ich bin», 1993 mit «Babuschka-Prinzip. Individualität und Verbundenheit von Eltern und Kindern» und 1998 mit «Im Mittelpunkt meines Lebens. Frauen ergreifen die Chancen der zweiten Lebenshälfte».

In die Jahre 1976 bis 2011 fallen weiter die Habilitation an der ETH Zürich mit einer Arbeit über Blaise Pascal sowie ihre Tätigkeit als Privatdozentin für deutsche und französische Literatur.
Auch in den Ausbildungsgängen des Alfred Adler-Instituts in Zürich (AAI) leitete Irène Kummer verschiedenste Vorlesungen und Seminare, zum Beispiel 1975 bis 1985 «Einführung in die Individualpsychologie», «Jugendberatung», «Gesprächsführung», «Methodik der Individualpsychologie», «Lebensstilanalyse» und Kasuistik. 1978 wurde sie zur Lehranalytikerin der Schweizerischen Gesellschaft für Individualpsychologie ernannt, was zur Folge hatte, dass sie bald eine beliebte Begleiterin vieler Studierender der Individualpsychologie war.
Auch die Leserinnen und Leser der Zeitschrift für Individualpsychologie begleitete Irène Kummer mit ihren Gedanken. Zum Beispiel in der Nummer 3/1984 (S.142-152) fanden sie ihren Beitrag «Körpersprache als Ausdruck des Lebensstils». Oder in der Nummer 1/1989 ist ihr Artikel «Männliche und weibliche Dynamik im therapeutischen Prozess – Macht und Machtmissbrauch» auf den Seiten 17 bis 31 nachzulesen.
Wer seinen Mitmenschen so viel zu sagen hat wie Irène Kummer,erhält oft auch Anfragen aus dem In- und Ausland. Fachvorträge auf verschiedenen Fachtagungen undKongressen, zum Beispiel auf dem Internationalen Kongress fürIndividualpsychologie in Zürich 1979 oder 1986 in Münster waren die logischeFolge. Deutsche Individualpsychologinnen und Individualpsychologen konnten sieauf den Delmenhorster Fortbildungstagen von 1987, 1989 oder 1991 kennenlernen.Ihre Schwerpunkte waren therapeutische und methodische Fragen der Individualpsychologieund «Gender Studies». Ein weiterer Akzent von Irène Kummer warenVeranstaltungen zur «körperorientierten Individualpsychologie». Was meinte siedamit? Wie kam sie darauf?
1978 reiste Irène Kummer für drei Monate nach Kalifornien zur Weiterbildung in körperorientierter Psychotherapie. Dazu gehörten Neo-Reichsche Atemarbeit, Posturale Integration im Institut von Jack Painter, San Franciscound formative somatische
Psychotherapie bei Stanley Keleman, Berkeley. Keleman hatte IrèneKummer schon früher kennengelernt, sie besuchte seit 1975 Trainings inFormativer Psychologie bei ihm. Stanley Keleman (1931-2018) gilt internationalals einer der Pioniere der Körperarbeit. Er war Direktor des "Center forEnergetic Studies" in Berkeley/Kalifornien, arbeitete als Therapeut undsomatischer Lehrer und war im deutschsprachigen Raum regelmäßig durch Vorträge,Workshops und Ausbildungsgruppen präsent. Irène Kummer lernte ihn zu schätzenund orientierte sich in der Folge an ihm, indem sie die IndividualpsychologieAdlers mit der Formativen Psychologie von Keleman verband. So entstand eineneue Variante von Psychologie, die «organismisch-integrative formativePsychologie» (oip).
In Kummers eigenen Worten: «Die organismisch-integrative formative Psychologie bezieht sich im Wesentlichen auf zwei Pioniere in der Geschichte der Psychotherapie: Auf Alfred Adler, den Begründer der Individualpsychologie (in-dividuum = das Unteilbare) und vor allem auf Stanley Keleman. Er hat das formative Prinzip biologisch verankert und konzeptuell wie methodisch eingelöst, und damit eine neue psychologische Schule begründet.
Die bedeutendsten Qualitäten dieses Konzepts sind:
Irène Kummer erwarb ein Zertifikat zur Anwendung formativer Psychologie und nannte ihre Praxis fortan organismisch-integrative formative Psychotherapie, Beratung und Supervision. Zudem war sie berechtigt, die Formative Psychologie zu lehren. 1990 gründete sie darum zusammen mit Elisabeth Schlumpf das Ausbildungszentrum für Form und Wandlung, welches Aus- und Weiterbildungen im Bereich Psychotherapie und psychosoziale Beratung anbot und sich zu einem Ort der Begegnung entwickelte. Ab 2010 leitete Irène Kummer das Zentrum alleine und engagierte sich für die Anerkennung und Zertifizierung ihrer Weiterbildungen.
Beim Verfassen eines solchen Nachrufs wird einem bewusst, wie viel Irène Kummer in ihrem Leben geleistet hat, wie aktiv sie war. Alles aufzuschreiben, was sie getan hat, alle Vorträge oder alle Artikel, die sie geschrieben hat, zu erwähnen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Vergessen ging bisher zum Beispiel der Kreis der Familie. 1983 kam nämlich ihre Tochter Mirjam, 1984 ihr Sohn David zur Welt. So konnte sie nicht nur im professionellen Rahmen, sondern auch im privaten ihr immenses Wissen und ihre reichen Erfahrungen weitergeben.

Viele Menschen haben durch sie Ermutigung erfahren, Unterstützung erlebt und neue Kräfte in sich entdeckt. Irène Kummer hat diesen Prozess der Neuentdeckung, des Findens neuer Wege selber einmal so beschrieben:
Am 9. August 2026 hat ihr Wachstumsabenteuer geendet. In vielenMenschen lebt das weiter, was ihnen Irène Kummer mitgegeben hat, um wider denStrom, aber im Fluss zu schwimmen.
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Text von Andrea Pini, Co-Präsidentin SGIPA
Für die Individualpsychologie Schweiz war sie eine wichtige Persönlichkeit.
Sie war eine sehr einfühlsame Psychotherapeutin

Sie hat die IP geprägt durch ihre Bücher
Sie hat die IP vertreten und verbreitet
Sie hat die IP weiterentwickelt
Ihr Zentrum für Form und Wandlung OIP – Sie hatte ein unglaubliches Wissen, das sie gerne teilte und vermittelte
Ihre Website ist noch einsehbar. Es ist eine Schatzkiste über ihr Lebenswerk und was sie selbst zu ihrer Arbeit formuliert hat. Da steht zum Beispiel:
Was mir wichtig ist:
Sie schreibt weiter:
Ich arbeite mit dem integrativen Konzept OIP, das auf dem Menschenbild der somatisch-emotionalen und mentalen Einheit der Person beruht (Körper – Seele – Geist). Es basiert vor allem auf der Formativen Psychologie nach Stanley Keleman und auf dem Lebensstilkonzept nach Alfred Adler.
Schon längere Zeit war Irène Kummer gesundheitlich angeschlagen.
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Text von Andrea Pini, Co-Leitung Alfred Adler Institut Erziehung & Familie
Schon als das alte Alfred Adler Institut in Oerlikon noch in Betrieb war, planten Vreni Weber und ich den neuen Ausbildungslehrgang zur Erziehung. Es war angedacht, diesen in die modulare Weiterbildung zu integrieren. Leider hat die Schliessung des alten Instituts diese Entwicklung unterbrochen.
Irène Kummer muss irgendwo mitbekommen haben, dass wir in Planung waren. Sie kam auf uns zu und bot uns an, ihre Räumlichkeiten an der Frohburgstrasse zu nutzen.
Über etliche Jahre war das neue Alfred Adler Institut Erziehung & Familie im Zentrum für Form und Wandlung zu Gast. Wir fühlten uns in den Räumlichkeiten sehr gut aufgehoben. Auch die Bibliothek der SGIPA war bei ihr einquartiert.
Mit ihrem Angebot hat sie es ermöglicht, dass wir starten konnten. Wir hatten schöne Räumlichkeiten und eine gute Adresse für unsere neue Weiterbildung. Diese Unterstützung in unsere Sache hat uns sehr ermutigt. Dafür waren wir Irène Kummer immer sehr dankbar!
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Text von Katharina Johner

Iréne Kummer war Mentorin, Lehrerin, Dozentin, Therapeutin, Beraterin, Kriseninterventionsfachfrau, mütterliche Begleiterin, Mensch. Sie schaffte es in einer erstaunlichen Art und Weise sich auf das Gegenüber so einzustellen, dass man sich jederzeit gesehen und verstanden fühlte. Es war ein Geschenk mit ihr zu sprechen, zu denken und zu lernen. Und was am schönsten war, man lernte sich selbst zu verstehen und sich anzunehmen und sogar lieben zu lernen. Von Iréne Kummer konnte man so unglaublich viel lernen. Sie schaffte es, selbst sehr komplexe Sachverhalte in einer einfachen verständlichen Sprache zu erklären. Sie konnte das Niveau jederzeit auf ihre Zuhörerschaft anpassen. Aber wenn sie dann Gas gab, kam ein Fundus an Wissen aus ihr hervor, dass man nur staunen konnte. Es war unglaublich schön, sie so in ihrem Element zu sehen. Es war ein Hochgenuss ihr zuzuhören. Ihr Wissen war breit und tief und die vielfältigsten Themen hinein. Da konnte niemand mithalten.
Was aber am grössten war, an der lieben Iréne, war ihr grosses Herz für uns Mitmenschen. Sie war für uns jederzeit da. Antwortete zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn man in Not war. Sie hat „verhebet“ durch alle Böden hindurch über all diese vielen vielen Jahre. Sie sorgte sich um ihre Klientinnen und StudentInnen wie um ein Familienmitglied. So gross war ihr Herz.
Dennoch war das Strahlen auf ihrem Gesicht nie grösser, als dann wenn sie von ihren geliebten Enkeln erzählte. Es war für sie wohl eines der schönsten Freuden, dass sie noch mehrfach Grossmutter geworden ist. Aber auch die Geburten und die Kinder- und Jugendjahre mit ihrern eigenen beiden Kinder war immer wieder ein Thema, bei dem sie ein sehr verzaubertes, zärtliches Lächeln hatte.
Iréne war eine unglaublich gebildete, tiefgründige, starke Persönlichkeit. Sie hat sich für die das Wohl und die Emanzipation der Frau eingesetzt, indem sie uns ein grosses Vorbild war. Ohne sie wäre ich heute nicht da wo ich heute bin. DANKE liebe Iréne für deine Lebenszeit, ich bin dir unglaublich dankbar für alles und vermisse dich sehr.
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www.oip-zfw.com/zentrum/home.aspx


Vortrag mit Dr. phil. Beate Letschert
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Isabelle Sproll-Imhasly, Laura Messina und Jeannette Papadopoulos
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Vortrag mit Anne Böhm
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